Denkkunst

Neue Orientierung

Irgendwann kommt wohl jeder Mensch an den Punkt, an dem er sich die Frage stellt, die sich auch Liza Minelli in ‚Cabaret‘ gestellt hat: Was bewegt eigentlich die Welt? Ich habe noch nie geglaubt, dass das Geld die Welt in Bewegung hält, eher die Gesellschaft, und immer wieder nach Erklärungen gesucht.

Und weil ich ein pragmatischer Mensch bin, haben mich immer diejenigen gedanklichen Konzepte in ihren Bann gezogen, bei denen ich die Dinge ‚anfassen‘ und untersuchen konnte. Geglaubt habe ich eher wenig, erst recht nicht, nur weil es jemand behauptet hat, ich wollte immer wissen, wie etwas funktioniert. Die Gedanken des Chan (Zen) haben mich vielleicht gerade deswegen so in ihren Bann gezogen, weil sie einen letztlich auffordern selbst zu untersuchen, was wirklich ist und seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

Doch Chan hat keine wirkliche ‚Basis‘, nur ein paar wenige, zumindest zu Beginn, nicht einfach nachzuvollziehende Prinzipien. Und das lässt sich nun einmal schwer vermitteln, auch weil viele nur die rituelle Praxis sehen. Es waren jedoch die Bücher und Texte von vor allem Erich Fromm, Arno Gruen und Nikolaus Gerdes, die mir zum einen bewusst machten, dass in der Gesellschaft etwas total schief läuft und zum anderen die Notwendigkeit aufzeigten, ‚etwas‘ zu tun. Aber was? Wie kann man die Menschen erreichen?

Die Lösung sehe ich ganz pragmatisch in den Einsichten der modernen Physik, der ‚Quantenphysik’, die eine Weltdeutung nahelegen, die grundsätzlich aus dem materialistisch-mechanischen Weltbild herausführt. Die bisherige Weltsicht, das Verständnis einer mechanistischen, dinglichen, objektivierbaren und zeitlich determinierten ‚Realität’ konnte die neuen Erkenntnisse über Materie nicht mehr befriedigend erklären. Was aber war die Wirklichkeit dann?

Statt dessen setzte sich mehr und mehr die Einsicht durch, dass ‚Wirklichkeit‘ etwas ganz anderes ist, im Grunde nichts als ‚Potenzialität’, ein immaterielles, zeitlich nicht klar determiniertes und grundsätzlich kreatives Beziehungsgefüge, in dem allein, zwar keine willkürlichen, aber doch nicht vorherbestimmten, ‚offene‘ Möglichkeiten und ein Potenzial für eine Realisierung festgelegt sind. Und die ‚feste‘ Materie löst sich immer mehr in Nichts auf, je genauer man hinschaut.

Aber das ist nicht das Wesentliche, das Eigentliche und wirklich Bedenkenswerte. Erwin Schrödinger hat es in ‚Geist und Materie‘ so umschrieben:

‚Ich will die zwei schreiendsten Widersprüche hervorheben, die sich aus dem Umstand ergeben, daß wir uns nicht bewußt sind, daß ein einigermaßen zufriedenstellendes Weltbild bloß erreicht worden ist, um einen hohen Preis, nämlich so, daß 'jeder sich selbst' aus dem Bild ausgeschlossen hat, indem er in die Rolle eines unbeteiligten Beobachters zurückgetreten ist.‘

Das heißt nichts anderes, als dass unser Bewusstsein, unser Geist und damit unser Denken und unser Wollen eine ganz entscheidende Rolle bei der Gestaltung der Wirklichkeit spielen, weit über das bisher Geglaubte hinaus. Und je mehr wir diesen Gedanken bereit sind zuzulassen, desto deutlicher und klarer wird, dass die Welt ein Lebewesen ist. Das eine ist, dass sich uns damit ungeahnte Möglichkeiten eröffnen, das andere aber ist, dass wir dies erst zu denken lernen müssen.

Das alles zu verstehen ist letztlich einfach, auch weil es logisch ist, doch es gedanklich umzusetzen ist gar nicht so einfach. Das braucht konsequente Praxis und Übung. Denn nur so ‚lernt‘ das Gehirn anders zu denken.

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Das vielleicht größte Hinderniss dabei ist die oft nicht gesehene Tatsache, dass unsere Sprache auch unsere Welt formt. Wir leben, wie Ludwig Wittgenstein es in seinen Logisch-Philosophische Abhandlung (Tractatus) definiert hat, in der Welt unserer Sprache: ‚Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.‘ Und da liegt das erste wirkliche Problem, denn unsere Sprache lässt uns eine mechanische sehen - wo in Wirklichkeit eine phänomenologische Welt ist. Begriffe sind immer nur Beschreibungen von Erfahrungen, nie mehr.

Wo aber anfangen, wenn nicht bei sich selbst?