Peter D. Zettel
Denkkunst

Neues Denken

‚Wir müssen lernen, auf neue Weise zu denken.‘

Wenn wir diese Forderung radikal ernst nehmen, müssen wir neue oder ungewohnte Wege des Lernens beschreiten. Dabei finde ich jedoch das wie, die Frage also, wie wir das, was wir denken sollen, überhaupt denken können, die wirklich herausfordernde und die eigentliche Frage.

Wenn ich mir bewusst mache, dass ich nur sehen kann, was ich auch in der Lage bin, überhaupt zu denken, dann ist nicht zu übersehen, dass ich mit einem echten Dilemma konfrontiert bin. Wie soll ich etwas denken lernen, das ich zumindest bis dato noch nicht, auch nicht ansatzweise denken kann?

Ein wirkliches Dilemma. Und, wie ich finde, ein existenzielles dazu. Ich denke, es kann nur mit der Neugierde gelingen, die auch ein Wissenschaftler hat. Einstein und seine Kollegen fanden über den Umweg der Suche nach den materiellen Bausteinen heraus, dass Materie tatsächlich etwas ganz anderes ist, als sie vermuteten. Und sie stellten sich dieser Beweise, ignorierten sie nicht, sondern setzten sich mit ihnen vor allem auch philosophisch auseinander - was leider allzu oft vollkommen übersehen wird.

Das große Problem mit den wegweisenden Erkenntnissen der Quantenphysik ist, wie sie teilweise in dem allgemeinen Sprachgebrauch, man kann schon sagen, benutzt und instrumentalisiert werden. Ein Managerberater etwa schwärmt von den Quantensprüngen in der Entwicklung, die das Unternehmen nach vorne katapultieren werden … und so weiter und so fort. In der Quantenwelt sind solche Übergänge ganz anders, es sind minimale Veränderungen und taugen sicher nicht als Vorbild für ein erträumtes Wirtschaftswachstum.

Denn gerade diese philosophische Auseinandersetzung ist das Entscheidende. Wir sollten uns wirklich davor hüten, ins Blaue hinein zu phantasieren und stattdessen gedanklich auf genau den Fakten und Erkenntnissen aufbauen, die die Quantenphysiker über die Welt herausgefunden haben; um dann in kleinen Schritten eine darauf aufbauende Philosophie zu entwerfen, die der Welt entspricht. Und nicht einfach drauflos fabulieren. Sonst wird etwa der Begriff Quantensprung in einer vollkommen unsachlichen Art und Weise benutzt mit der Folge, dass das eigentliche Phänomen damit nicht mehr erfasst werden kann.

Es sind die vermeintlich kleinen, oft unbedeutend erscheinenden Erkenntnisse, die uns die Welt auf völlig andere Weise wahrnehmen lassen. Denke ich zum Beispiel nicht mehr, dass ich denke, was ich sehe sondern nur sehen kann, was ich auch denke, dann ändert sich erst einmal garnichts. Oder dass wir die Wirklichkeit nicht vorhersagbar definieren können, sondern nur das beschreiben können, was sich ereignet. Genauso wie die Tatsache, dass sich die wirklich sinnvollen Prozesse ‚ergeben‘ und eben nicht steuern lassen.

Die entscheidende Veränderung im Denken hat unter anderem Albert Einstein gesehen, als er sagte, dass der Mensch sich, seine Gedanken und Gefühle als etwas erfährt, das ihn von den anderen trennt, dass dies aber nur eine Art optischer Täuschung des gewöhnlichen Bewusstseins ist. In diesem Zitat steckt etwas, wie ich finde, sehr Wichtiges. Es geht nicht darum, irgendetwas Phänomenales zu entdecken, sondern einfach darum zu erkennen, dass wir uns in unserem Welt- und damit in unserem eigenen Selbstverständnis - was wir nicht übersehen dürfen! - schlicht und einfach einer Illusion erlegen sind.

Wenn wir bereit sind, auf diese Weise zu denken, wird - erst einmal - überhaupt nichts passieren. Und doch wird unser Welt- und Selbstbild wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Nichts wird anders sein und doch wird alles anders sein. Einstein hat das in dem zweiten Teil des Zitats vollkommen korrekt ausgedrückt: Diese Täuschung ist wie ein Gefängnis. Solange wir aber dieses Gefängnis nicht wahrnehmen können, drehen wir uns immer weiter im Kreis. So ist es müßig, mit einem politisch anders Orientierten zu diskutieren, solange man nicht geklärt hat, in welchem Gefängnis er sitzt - und natürlich man selbst.

Vielleicht ist man sehr erstaunt festzustellen, dass man im selben Gedankengefängnis sitzt, selbst wenn man völlig unterschiedliche und scheinbar diametral etgegen gesetzte Meinungen vertritt. Und das ist bei sehr vielem so. Also bleibt einem nichts anderes übrig, als die Dinge endlich zu sehen, wie sie sind und davon ausgehend weiter zu denken. Die Welt hat eine derartige Komplexität, die der Einzelne kaum noch zu händeln vermag.

Es ist daher unverzichtbar, miteinander zu reden.